Ein Gespräch mit der Hausärztin Ulrike Leimer-Lipke, Mitbegründerin der Stiftung docstogether.net und Kuratorin der Operngala
Frau Leimer-Lipke, wenn Sie heute Nachmittag als Kuratorin der 20. Festlichen Operngala der Deutschen Aids-Stiftung einen exklusiven Kreis von Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu einem Vorempfang in die Große Orangerie im Schloss Charlottenburg begrüßen, dann tun Sie das als Mitbegründerin einer eigenen Stiftung, des sozialen Ärztenetzwerks Deutschland docstogether.net. Warum dieses ehrenamtliche soziale Engagement neben einem anstrengenden Beruf?
Der Hintergrund ist sicherlich meine Tätigkeit als Hausärztin. Ich bin seit über 20 Jahren in Lübars niedergelassen, am Rande des Märkischen Viertels, und habe dort sehr viel mit sozialmedizinischen Problemen zu tun. Es hat mich schon immer gewurmt, dass es für die umfassende Betreuung vieler Patienten an Hilfsangeboten fehlt. Das fällt nicht nur mir, sondern auch meinen Kollegen immer wieder auf. Wobei wir uns darüber im Klaren sind, dass solche zusätzlichen Angebote den Rahmen unseres – im internationalen Vergleich vorbildlichen – Sozialversicherungssystems sprengen würden. Irgendwann im Jahr 2010 saß ich dann mit einigen Kollegen bei einem Glas Rotwein zusammen, und wir beschlossen ziemlich spontan, etwas gegen diesen Missstand zu tun. Dafür wollten wir ein Netzwerk gründen. Wir haben uns vom Deutschen Stiftungsrat beraten lassen, und so ist eine Stiftung daraus geworden.

Ihre Stiftung hilft nun unter anderem Menschen mit HIV. Bleibt im reichen Deutschland angesichts guter Medikamente auf diesem Gebiet heute noch so viel zu tun?
Natürlich wurden in den letzten beiden Jahrzehnten große medizinische Fortschritte gemacht. Aids hat ein Stück weit seine Bedrohung verloren, doch HIV ist nach wie vor nicht heilbar. Und inzwischen gibt es neue Probleme: So sehen wir Ärzte heute HIV-Patienten, die sehr viel früher als andere Menschen Alterskrankheiten entwickeln, zum Beispiel Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Die Neben- und Folgeerkrankungen können dazu führen, dass einige von ihnen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Was tun Sie praktisch?
Wir versuchen durch die Unterstützung eines Wohnprojekts in der Reichenberger Straße in Berlin zu helfen. Im Fall des Wohnprojekts springen wir erst spät ein. Wir sind aber auch sehr glücklich über Projekte, die früher ansetzen, in der Aufklärungsarbeit. Deshalb unterstützen wir auch „Jugend gegen Aids“. Durch die Behandlungsmöglichkeiten ist ja leider das Bewusstsein für die Gefährlichkeit der Infektion gesunken, es gibt eine ‚falsche Leichtigkeit des Seins‘. HIV ist zu einer subtileren Bedrohung geworden, aber nicht weniger gefährlich: Der Feind ist inzwischen raffinierter. Und das ist nicht alles: Auch in Sachen gesellschaftliche Akzeptanz bleibt noch einiges zu tun. Diese gebündelte Problematik macht HIV zu einem Thema, das sich uns aufgedrängt hat.

In welchen anderen Bereichen engagiert sich die Stiftung?
Es geht oft um kleine Dinge, die vielleicht sogar skurril anmuten könnten, die aber sehr hilfreich sind: So hat ein Hospiz in Cottbus von unseren Spendengeldern Fahrkarten gekauft, damit eine noch recht junge sterbenskranke Tumorpatientin von ihren drei Kindern besucht werden konnte, die in einiger Entfernung bei den Großeltern lebten. Für diese Fahrtkosten hatte es keinen Topf gegeben. Unser Geld fließt außerdem in eine Obdachlosenambulanz. Dort arbeitet ein Kollege, der bei docstogether Mitglied und schon in Rente ist. Wir unterstützen auch die Nicolaidis-Stiftung in München, die jungen Witwen und Witwern mit Kindern hilft, also „verwaisten“ Familien. Neu dazugekommen ist die Unterstützung eines Wohn- und Therapieprojekts für drogenabhängige Jugendliche in Brandenburg im Rahmen von Karuna e. V.

Wie geht die Unterstützung praktisch vonstatten?
Das eherne Prinzip unserer Arbeit: Die Mittel – zweckgebunden – gehen immer an eine Institution, nicht direkt an die Hilfsbedürftigen. Dadurch stellen wir sicher, dass das Geld verantwortungsvoll betreut wird. Wir arbeiten nur mit Hilfsorganisationen, deren Verwaltungsaufwand unter zehn Prozent beträgt.

Wer entscheidet darüber, wohin das Geld fließen soll?
Bisher wurde vor allem im Stiftungsbeirat darüber gesprochen. Demnächst wird das aber Sache aller Mitglieder sein, und darauf sind wir stolz: Wir bereiten ein Voting-Tool vor, über das demokratisch abgestimmt werden kann. Das Geld soll dann prozentgerecht auf die auf unserer Homepage vorgestellten Projekte aufgeteilt werden.

Können eigentlich auch Nichtmediziner für docstogether spenden?
Die Mitgliedschaft möchten wir Ärzten vorbehalten. Die Stiftung ist aus unserer beruflichen Erfahrung heraus entstanden. Die meisten von uns verdienen gut, und davon möchten wir der Gesellschaft etwas zurückgeben. Und ehrlich gesagt stört es uns auch, dass wir Ärzte in der Öffentlichkeit so oft nur wahrgenommen werden, wenn es um Honorare geht.

Unser logischer Schluss: Dagegen müssen wir etwas unternehmen. Wir wollen Gutes tun, aber auch dabei wahrgenommen werden! Deshalb bitten wir alle Ärzte und Ärztinnen, die unsere Idee gut finden, uns zehn Euro im Monat zu spenden. Das ist bewusst wenig: Wir möchten sicherstellen, dass auch Ärzte, die in Teilzeit arbeiten und junge Assistenzärzte mitmachen können, ohne die Summe zu spüren. Sogar ein Medizinstudent ist inzwischen Mitglied. Was wir nicht wollen, sind Sponsoren, etwa Pharmafirmen, die auf unserer Homepage Werbung machen. Auch wenn nur Ärzte Mitglied sein können, kann aber jeder spenden. Wir sind sehr dankbar dafür. Bei meiner eigenen Hochzeit haben die Gäste das getan.

Das Gespräch führte Adelheid Müller-Lissner.

Ulrike Leimer-Lipke ist Hausärztin in Berlin, Mitbegründerin der Stiftung docstogether.net – soziales Ärztenetzwerk Deutschland und Kuratorin der Operngala der Deutschen Aids- Stiftung

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